War es das wirklich wert?

Thomas Röper – Anti-Spiegel

Die Ukraine hat geschätzt schon über 100.000 Soldaten verloren, es sind viele Zivilisten getötet worden, Millionen Menschen sind auf der Flucht und die Volkswirtschaften Europas werden zerstört. Worum ging es ursprünglich eigentlich und war es das wirklich wert?

Viele Menschen vergessen aufgrund der aktuellen Entwicklungen, worum es bei dem Ukraine-Konflikt ursprünglich eigentlich ging. Der Westen hätte all das Leid verhindern können. Das wollte er aber nicht. Daher will ich noch einmal daran erinnern, worum es ursprünglich ging und all jenen, die Russland verfluchen, die Frage stellen, ob es das wirklich wert war.

Die Bedrohung Russlands

Russland hatte seit dem Ende der Sowjetunion in der Ukraine nur ein Interesse: Es wollte, dass die Ukraine ein neutrales Land, eine Art Brücke zwischen Ost und West wird. Das galt umso mehr nach den Osterweiterungen der NATO. Russland hätte die Ukraine auch gerne als „pro-russisches“ Land gesehen, aber das war nie zwingend. Eine ukrainische Neutralität war das, was Russland wichtig war.

Der Westen hat 2014 den Maidan-Putsch orchestriert, wie ich in meinem Buch über die Ukraine-Krise 2014 auf über 100 Seiten und mit über 150 Quellen minutiös aufgezeigt habe. Der Maidan hat in der Ukraine eine radikal-nationalistische und anti-russische Regierung an die Macht gebracht, die sich – mit Rückendeckung des Westens – schnell zu einer wirklichen Nazi-Regierung entwickelt hat. Die Ukraine wurde konsequent zu einem anti-russischen Stützpunkt ausgebaut.

In ihrer Militärdoktrin hat die Ukraine nach dem Maidan festgeschrieben, ihre Streitkräfte an die NATO-Standards anzupassen und als das erledigt war, wurde in die ukrainische Militärdoktrin offen hineingeschrieben, dass die Ukraine die Krim militärisch zurückerobern wollte. Es geht hier nicht um die Frage, ob man die Krim für russisch oder ukrainisch hält, es geht darum, zu verstehen, ob Russland, das die Krim als sein Kernland ansieht, einen Grund hatte, sich bedroht zu fühlen. Zur Krim-Frage kommen wir am Ende dieses Artikels nochmal.

Russland hatte mit der Ukraine an seiner Grenze einen Staat, dessen Armee auf ethnische Russen im Donbass schießen ließ, der offen einen Krieg gegen Russland geplant hat, offen anti-russisch war und der bei all dem vom Westen nicht nur unterstützt, sondern regelrecht angefeuert wurde. Das ist etwas, was jeder Staat der Welt als Bedrohung wahrnehmen würde, oder würden die USA eine solche Entwicklung in Mexiko zulassen?

Als der ukrainische Präsident Selensky am 19. Februar 2022 auf der Münchner Sicherheitskonferenz auch noch offen gedroht hat, die Ukraine atomar zu bewaffnen und die im Saal anwesenden hochrangigen Vertreter des Westens dazu applaudiert haben, war eine Bedrohung für Russland entstanden, die wohl kein Land der Welt akzeptieren würde. Wie empfindlich der Westen auf die – auch nur mögliche – nukleare Bewaffnung eines Landes reagiert, zeigen die Beispiele Iran mit seinem Atomprogramm oder das Beispiel Irak, den die USA angegriffen und in die Steinzeit gebombt haben, weil sie dort angeblich Massenvernichtungswaffen vermutet haben.

Der Westen provoziert

Der Westen hat bis Ende 2021 unter dem Deckmantel von Ausbildungsmissionen tausende NATO-Soldaten in der Ukraine stationiert. Dass die Staaten der NATO die Soldaten der Ukraine ausgebildet haben, während das Land offen einen Krieg gegen Russland geplant hat, ist einer der Gründe, warum Russland allen Grund hatte, auch die NATO als Gegner und Bedrohung wahrzunehmen.

In Kiew war man aufgrund der Unterstützung der NATO der Meinung, dass die NATO der Ukraine im Falle eines Krieges mit allen Mitteln – auch mit Soldaten – beistehen würde. Die Enttäuschung in Kiew war groß, als die NATO nach Beginn der russischen Intervention keine Soldaten geschickt hat. Offensichtlich hat die NATO der ukrainischen Regierung diese Hilfe hinter verschlossenen Türen versprochen, wie alle führenden Politiker der Ukraine Anfang März 2022 erklärt haben. Kiew hat im Falle einer Konfrontation mit Russland fest mit einem militärischen Eingreifen der NATO gerechnet.

Russland hat im Laufe des Jahres 2021 immer wieder auf seine „roten Linien“ im Bezug auf die Ukraine hingewiesen und im Dezember 2021 von den USA und der NATO schließlich ultimativ gegenseitige Sicherheitsgarantien gefordert, zu denen unter anderem gehörte, die Ukraine nicht in die NATO aufzunehmen, keine ausländischen Soldaten in der Ukraine zu stationieren und den Status der Ukraine als neutrales Land festzuschreiben. Und Russland hat in dem Zusammenhang ganz offen erklärt, dass es – wenn der Westen darüber nicht verhandeln wolle – gezwungen sei, seine eigene Sicherheit mit „militär-technischen Mitteln“ zu schützen.

Damit war jedem Beobachter klar, dass Russland, sollte der Westen darauf nicht eingehen, in der Ukraine militärisch intervenieren würde. Der Westen hat die Verhandlungen zum Monatswechsel Januar/Februar 2022 abgelehnt, obwohl er wusste, was danach kommen würde.

War es das wert?

Im Kern ging es also um die Frage, ob die Ukraine in die NATO eintritt und ob die NATO Soldaten in der Ukraine stationieren darf. Der Westen hätte die Eskalation und das Leid verhindern können, wenn er Russland nur zugestanden hätte, dass die Ukraine ein neutrales Land bleibt.

Wenn man sich anschaut, wo wir heute angekommen sind, dann muss man sich fragen: War der NATO-Beitritt der Ukraine all das wert? War der NATO-Beitritt der Ukraine all die Opfer in der Ukraine wert? War der NATO-Beitritt in der Ukraine Millionen von Flüchtlingen wert? War der NATO-Beitritt der Ukraine es wert, die europäischen Volkswirtschaften und den Wohlstand der Menschen in Europa zu zerstören?

Wer nun einwendet, dass die Krim ukrainisch sei und dass die Ukraine daher alle Grund hatte, deren Rückeroberung zu planen, dem stelle ich die gleiche Frage: Wäre die Rückeroberung der Krim all die eben genannten Folgen und Opfer wert gewesen?

Es ist wichtig, sich noch einmal daran zu erinnern, worum es Anfang 2022 ursprünglich gegangen ist und dass all das Leid hätte verhindert werden können, wenn Kiew und der Westen auf den möglichen NATO-Beitritt der Ukraine verzichtet hätten.

Wäre eine neutrale Ukraine wirklich schlimmer gewesen, als das, was wir jetzt erleben?

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