Wenn zwei DASSELBE tun muss es längst nicht immer das GLEICHE sein – Die Doppelmoral der USA, Teil 1

Von Gastautor Dr. Klaus Rißler

Im Folgenden soll angesichts der aktuellen militärischen Auseinandersetzungen in der Ukraine die Doppelmoral der Vereinigten Staaten von Amerika näher präzisiert werden. Um die Zusammenhänge besser zu verstehen, die sich aus dem Vergleich der kriegerischen Verwicklungen zwischen den USA und Sowjet-Union/Russland gegenüber Dritten ergeben, sei jedoch ganz besonders auf die von den USA geführten bzw. provozierten Konflikte der vergangenen 70 Jahre eingegangen.

Bekanntlich fühlen sich die USA spätestens seit Ende des Zweiten Weltkrieges als Weltpolizist und erwarten deshalb, dass alle gefälligst nur nach ihrer Pfeife tanzen. Denn es ist hinlänglich bekannt, dass sie keine fremden Götter, sprich ihre Hegemonie in Frage ziehenden Staaten oder Mächte neben sich dulden.

Gerade aus aktuellem Anlass heraus mag man Wladimir Putin nicht unbedingt mögen und ihn folglich mehr oder weniger hart kritisieren bzw. dafür in Verantwortung nehmen, dass er einen gegen das Völkerrecht verstoßenden Angriffskrieg gegen das Nachbarland Ukraine begonnen hat. Man kann ihn sogar auch als Massenmörder bezeichnen, vergisst jedoch darüber nur allzu leicht die Begleitumstände, wieso es überhaupt zu diesem unnötigen Krieg kommen konnte. Diesem Aspekt und dessen jahrelange Vorgeschichte wird im zweiten Teil des Beitrags eingehender Rechnung getragen.

Lassen Sie mich, verehrte Leser*innen zunächst einmal auf die bereits oben zitierte Doppelmoral der USA eingehen, die sich seit 1945 wie ein roter Faden durch die Weltgeschichte zieht. Hier die Achse des Guten, also seitens der USA als DER Verteidigerin des Friedens, Völkerrechts, der Freiheit und Demokratie schlechthin, dort die von US-Präsident Ronald Reagan (1911 – 2004) als solche benannte Achse des Bösen, also die frühere Sowjet-Union, welche, diese Formulierung betreffend, vom Russland Putins offenbar abgelöst wurde. Nur, dass einer aus der Achse des Guten auch noch mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde, obwohl er mit den USA in kriegerische Verwicklungen mit zahlreichen Opfern involviert war. Mit anderen Worten ausgedrückt, auch das Nobel Komitee in Oslo hat sich diesbezüglich der Doppelmoral schuldig gemacht.

Dazu seien zuerst einmal die zahlreichen von den USA nach 1945 entweder federführend oder zumindest aber auch mitverantwortlich vom Zaun gebrochenen Kriege erwähnt, wobei ich mich aus Gründen des Umfangs auf nur wenige beschränken möchte. Auf die zahlreichen von den USA angezettelten Umstürze und Umsturzversuche in einer Reihe von Staaten der Dritten Welt, vorzugsweise aber auch in Lateinamerika, sozusagen vor der Haustür der USA, sei aus Platzgründen nicht eingegangen. Aber auch diese dienten lediglich dazu, die politische und militärische Hegemonie der Vereinigten Staaten weiterhin zu festigen und auszubauen. Es erübrigt sich wohl, detaillierter darauf hinzuweisen, dass bei diesem frevelhaften Tun selbstverständlich die eigenen wirtschaftlichen Interessen im Sinne des „America first“ die eigentlichen Beweggründe waren. Allerdings, wie schon angeschnitten, ausschließlich zum Zweck der Verteidigung von „Völkerrecht, Frieden, Freiheit und Demokratie“: Scheinheiligkeit und Heuchelei in Vollendung.

Beginnen wir mit dem von 1950 – 1953 währenden Korea-Krieg, der nicht nur die Teilung des kleinen Landes in einen kommunistisch regierten Norden und einen mehr oder weniger demokratisch regierten Süden spaltete, sondern es auch in einem völlig zerstörten Zustand hinterließ. Natürlich kämpften auf Seiten der US-Amerikaner ausschließlich nur die Guten oder das Gute im Sinne Habenden, auf der anderen Seite die Bösen, also widerliche Kreaturen, welche die Welt in den Abgrund zu stürzen trachteten. Sehr wahrscheinlich waren die Guten längst nicht so gut, wie sie sich präsentierten und die Bösen auch nicht unbedingt DIE Teufel, als die man sie in den westlichen Medien stets beschrieb. Insbesondere die „Guten“, ergo die US-Amerikaner, begingen ungeheure Kriegsverbrechen, nicht nur weil sie fast alle größeren Städte Koreas mit Bomben ausradierten – ein Geschäft, das sie bereits im Zweiten Weltkrieg meisterhaft beherrschten – sondern auch das international geächtete Napalm verwendeten, welches, nur in wenigen Spritzern auf der Haut katastrophale und kaum zu therapierende Verbrennungen hervorruft, Hunderttausende daran starben ließ und mit der Haager Landkriegsordnung 1899/1907 wohl kaum im Einklang stand, also ein Kriegsverbrechen darstellt.

Keine der beiden großen Kriegsparteien, die USA als Führungsmacht einer UN-Koalition auf der einen und der Sowjet-Union/China auf der anderen Seite, haben sich dabei mit Ruhm bekleckert. Allerdings sah sich der „Westen“ stets in der Rolle der Achse des „Guten“. Dabei führten BEIDE Kriegsparteien auf Kosten der Zivilbevölkerung einen gnadenlos-grausamen Kampf gegeneinander.

Wenden wir uns nun einem anderen kleinen asiatischen Land, Vietnam, zu, welches über 20 Jahre hinweg ebenfalls zum Spielball der Großmächte wurde. Als die Franzosen als Folge der Niederlage in der sich von März bis Mai 1954 hinziehenden Schlacht von Dien Bien Phu ganz im Osten Nordvietnams ihre Besitzungen in Indochina aufgeben mussten und Vietnam, wie zuvor bereits Korea, in einen kommunistischen Norden und einen mehr oder weniger korrupten, jedoch vom Westen unterstützten Süden geteilt wurde, entbrannte im Jahr darauf ein Krieg der sich über 20 Jahre hinweg erstreckte. Anfang der 60-iger Jahre des vergangenen Jahrhunderts entschloss sich Präsident John F. Kennedy (1917 – 1963) der drohenden Machtübernahme des Südens durch den kommunistischen und sowohl von der Sowjet-Union als auch der VR China unterstützen Norden mit einem großen Truppenkontingent zu begegnen. Bis zum Kriegsaustritt der USA 1973 stieg die Zahl der US-Truppen auf bis zu 184.000 Mann. Lyndon B. Johnson (1908 – 1973), Nachfolger des im November 1963 ermordeten Kennedy begann ab 1965 mit systematischen Bombenangriffen sowohl auf Nordvietnam als auch auf mutmaßliche Stellungen der Vietcong-Rebellen auf südvietnamesischem Gebiet. Dabei wurde auch das Entlaubungsmittel und extrem gesundheitsschädliche Agent Orange in riesigen Mengen eingesetzt. Welches schreckliche „Potenzial“ hinter diesem  2,3,7,8-Tetrachlordibenzodioxin steckt, zeigte sich anhand des Chemieunfalls am 10. Juli 1976 in der chemischen Fabrik Icmesa im italienischen Seveso in der Nähe von Mailand mit Hunderten an Opfern durch die sogenannte Chlorakne.

Millionen Vietnamesen litten noch viele Jahre und Jahrzehnte daran und Hunderttausende starben an Krebs und erlitten Missbildungen als Spätfolgen dieses Kriegsverbrechens der USA. Johnsons Nachfolger Richard Nixon (1913 – 1994) ab Januar 1969 konnte jedoch die militärische Niederlage der USA nicht mehr abwenden und war gezwungen, am 27. Januar 1973 den Friedensschluss von Paris zu unterzeichnen. Die Amerikaner verloren in einer der blutigsten kriegerischen Verwicklungen ihrer Geschichte nicht nur 58.000 Soldaten, sondern begingen auch unzählige schwere Kriegsverbrechen, welche denen der Nazis oft genug nicht unbedingt nachstanden. Aber wurden – John F. Kennedy lebte ja nicht mehr – Johnson und Nixon vor dem internationalen Haager Strafgerichtshof für ihre Missetaten jemals als Kriegsverbrecher und Massenmörder angeklagt ?

Mit der Eroberung Saigons im Jahr 1975 durch nordvietnamesische Verbände endete nach zwei Jahrzehnten der Vietnamkrieg und die USA mussten nach Korea die zweite schwere Niederlage innerhalb von weniger als zwei Jahrzehnten einstecken. Aber dennoch fanden sie sich zumindest auf der Achse des „Guten“ wieder, die sich diesmal leider den „Bösen“ beugen mussten.

Ende 1979 fiel die Sowjet-Union unter dem damaligen KPdSU-Generalsekretär Leonid Breschnew (1906 – 1982) in Afghanistan ein, nachdem sie schon wiederholt vom kommunistischen Ministerpräsidenten Muhammad Taraki (1917 – 1979) um Intervention ersucht wurde. Das Jahr der sowjetischen Intervention fiel zeitgleich mit der islamischen Revolution des Ruhollah Chomeini (1902 – 1989) im Iran zusammen und hatte vermutlich das Ziel, ein Übergreifen dieses extrem fundamentalistischen Islam auf das kommunistisch regierte Afghanistan zu unterbinden, woraus aber auch eine ernste Gefahr für die islamisch dominierten Turkstaaten im Süden der Sowjet-Union hatte erwachsen können. Allerdings regte sich umgehend großer Widerstand seitens der Volksmudschaheddin, einer Clique von Freischärlern oder Guerilla-Kämpfern, man könnte sie aber auch als Partisanen betiteln, welche einer extrem konservativen Form des Islam anhingen und vom Westen mit viel modernem Kriegsgerät versorgt wurden. Diese sowohl militärisch als geographisch erfahrenen Gotteskrieger fügten der ortsunkundigen Sowjetarmee in dem von hohen Bergen, zerklüfteten Tälern und Schluchten reich gesegneten Land schwere Niederlagen zu. Nicht zuletzt deshalb wurden bereits 1982 Verhandlungen zur Beendigung des Kampfgeschehens aufgenommen, die in der Ära des neuen KPdSU-Generalsekretärs Michail Gorbatschow im Jahre 1988 mit dem Genfer Abkommen zum Ende der Invasion und dem Abzug der Sowjettruppen führten.

Leider fielen in einem völlig sinnlosen Gemetzel ca. 26.000 russische Soldaten wie zuvor im Vietnamkrieg 58.000 GI’s, zum Opfer. Nur dass es in diesem Fall die Achse des „Bösen“ war, welche diesen Krieg anzettelte und ihn folglich „berechtigterweise“ auch verlor.

Im August 1990 wurde Kuweit vom Irak Saddam Husseins, unter Geltendmachung historischer Ansprüche annektiert. Da es dabei auch um die in Kuweit befindlichen Ölquellen ging, einer für die Versorgung des Westens mit Energie äußerst sensiblen Region, musste dieser, mit den USA an der Spitze, schnell reagieren Der UN-Sicherheitsrat verabschiedete daraufhin am 9. August 1990 einstimmig die Resolution 662, welche die Annexion Kuwaits durch den Irak für „null und nichtig“ erklärte und die sofortige Wiederherstellung der Souveränität forderte. Eine Koalition von 22 Staaten unter der Führung der USA griff am 17. Januar 1991 mit schweren Luftschlägen den Irak an und bereits sechs Wochen später waren die Kampfhandlungen mit der Kapitulation der irakischen Truppen am 5. März 1991 beendet. Und erneut positionierten sich die USA auf der Achse des „Guten“.

Acht Jahre später kämpfte die UÇK, eine albanische paramilitärische Organisation für die Unabhängigkeit der serbischen Provinz Kosovo. Als die Regierung in Belgrad diesen Aktivitäten gegenüber mit massiver militärischer Präsenz einschritt und den Unabhängigkeitsbestrebungen einen Riegel vorschieben wollte, entschied die Nato unter der Führung der USA, der UÇK zu Hilfe zu eilen und brach am 24. März 1999 einen völkerrechtswidrigen Krieg vom Zaun, der am 9. Juni 1999 offiziell endete. Man nutzte dabei die sowohl politische als auch militärische Schwäche Russlands als Schutzmacht der Serben schamlos aus und drückte es, bildlich gesprochen, völlig an die Wand.

Die Kampfhandlungen wurden vor allem durch die Luftüberlegenheit der Nato entschieden und die Serben dadurch nicht nur zum Frieden, sondern de facto auch zur Abtretung des Kosovo als neues unabhängiges Staatswesen gebombt. Man befand sich ja wiederum auf der Achse des „Guten“, wollte man doch u. a. auch dem Grundsatz des Rechts der Völker auf nationale Selbstbestimmung zur Geltung verhelfen, obwohl man in vielen Weltgegenden genau das Gegenteil praktizierte und es in einer Heuchelei sondergleichen zuließ, dass skrupellose Diktatoren bedenkenlos ihre Völker knechteten und ausbeuteten.

Als Antwort auf die Zerstörung der Twin Towers des Welthandelszentrums in New York am 11. September 2001 entschied US-Präsident George W. Bush dem mutmaßlich von afghanischem Hoheitsgebiet ausgehenden Terror der Al Qaida den Garaus zu machen und ließ eine unter Führung der USA stehende multinationale Streitmacht in Afghanistan einmarschieren, um die dort ansässigen Gotteskrieger der Taliban in die Schranken zu verweisen. Die Amerikaner zogen aus dem erst wenige Jahre zurückliegenden Debakel der Sowjets offenbar keine Lehren und erlebten das gleiche Desaster, wie kaum 15 Jahre zuvor die Sowjetarmee. Als sich gegen Ende des zweiten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts abzeichnete, dass auch dieser Krieg ebenso nicht zu gewinnen war wie derjenige in Vietnam, blieb den Amerikanern und ihren willfährigen Vasallen, darunter, wie sollte es anders auch sein, Deutschland, nichts anderes übrig als sich zurückzuziehen. Sie ließen nicht nur ein politisches Vakuum, sondern auch ein zahlreiches Waffenarsenal zurück, und übergaben es den Truppen der afghanischen Regierung, welche allerdings den jetzt auf allen Fronten vorrückenden Taliban keinerlei militärischen Widerstand entgegensetzte und damit den Gotteskriegern sämtliche modernen Waffen überließ. Inzwischen kontrollieren die Taliban weitestgehend das gesamte Staatsgebiet. Dazu noch einige Zahlen das deutsche Afghanistan-Abenteuer als Satellit der USA betreffend: über 20 Jahre hinweg mehr als 1000 Soldaten im Einsatz, 59 Todesopfer, Hunderte Verletzte, Tausende mit posttraumatischem Belastungssyndrom und 12,5 Milliarden Euro Kosten und alles im Auftrag der Achse des „Guten“. Wenn das kein Erfolg war !.

Nur zwei Jahre später ordnete US-Präsident George W: Bush wiederum eine militärische Aktion an. Diesmal ging es um die Mutmaßung, dass sich der Irak im Besitz von Massenvernichtungswaffen befände, für die es allerdings nicht den geringsten Beweis gab. Der wahre Grund bestand jedoch darin, dass den USA die Kontrolle über eine für die Versorgung des Westens mit Öl äußerst prekäre Region zu entgleiten drohte und sie sich deshalb zur gewaltsamen Intervention veranlasst sahen. Den Iran hatte man ja bereits 14 Jahre zuvor an Chomeini‘s islamische Republik verloren und jetzt drohte womöglich noch weit gefährlicheres Unheil an der für den Westen überlebenswichtigen Straße von Hormus. Das militärische Irak-Abenteuer nahm am 5. März 2003 seinen Lauf und am 1. Mai desselben Jahres erklärte George W: Bush den Krieg für siegreich beendet. Die lauthals postulierten Massenvernichtungswaffen wurden allerdings trotz sich über Monate hinziehender intensiver Suche nicht gefunden. Anstatt dessen wurde das arg gebeutelte Land in einem erbärmlichen Zustand hinterlassen. Eine Befriedung fand nicht statt, dafür lieferten sich Sunniten und Schiiten fortan einen blutigen Bürgerkrieg mit Abertausenden an Opfern, welcher mit der sich aus den Trümmern des Irak heraus konstituierenden fundamentalistischen Terrorgruppe „Islamischer Staat“ (IS) seinen traurigen Höhepunkt fand. Der IS trug den Krieg aber nicht nur in den Irak, sondern auch ins benachbarte Syrien, wo er bis heute noch schwelt und zur völligen Destabilisierung der ganzen Nahost-Region mit Millionen an Flüchtlingen führte. Und dies alles im Auftrage der Achse des „Guten“. Und wohin orientierten sich die Flüchtlingsströme ? Nicht dorthin, wo der Ursprung des Schlamassels ausging, also den USA, sondern nach Europa !

Wohin man blickt, hinterließen die Aktivitäten der Vereinigten Staaten von Amerika in den vergangenen 70 Jahren eine Spur der Verwüstung, verbrannten Erde und politischer und wirtschaftlicher Unsicherheit. Und auch am gegenwärtigen dritten Kriegsgeschehen in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg hatten sie wiederum ihre schmutzigen Finger im Spiel. Dazu mehr in Teil 2 des Beitrags.

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