Gleichgewicht des Schreckens – ungleiche Angstmache

Von Gastautor Albrecht Künstle

– Zum 1. Januar, dem (katholischen) Weltfriedenstag, eine Bilanz

– Wenn jemand Angst haben muss, sind es die Russen vor der NATO

Um es vorauszuschicken, ich war ein Pazifist. Ich tat mich schwer mit dem Kriegs- bzw. Wehrdienst, weil ich schon in jungen Jahren wusste, dass nie so viel gelogen wird wie vor dem Beginn von Kriegen. Und während diesen und danach wird auch nicht weniger gelogen. So war es auch in den 80er Jahren, als erneut die russischen Raketen schlimmer am Pranger standen als das eigene Atomwaffenarsenal der NATO. Deshalb war ich in der Friedensbewegung engagiert, weil ich das numerische Gleichgewicht des Schreckens sehr aufmerksam verfolgte. Das Wort Schrecken nehme ich nicht leichtfertig in den Mund, denn wir hatten mehrmals Glück, dass der Dritte Weltkrieg nicht aus Versehen seinen Lauf nahm.

Aber die jetzige Generation der Meinungsmacher ist nicht ungefährlicher als die Scharfmacher damals. Beispiel Claus Kleber, der zum Jahresende – Gott sei Dank – sein letztes „heute journal“ moderierte. Zur Erinnerung: Am 4. April 2019 verkündet ZDF-Fernsehmoderator Claus Kleber zu Beginn des „heute journal“ den Beginn des dritten Weltkrieges. Mit ernster Miene spricht er folgenden Satz:

Guten Abend, zu Wasser und zu Luft sind heute amerikanische, deutsche und andere europäische Verbündete unterwegs nach Estland, um die russischen Verbände zurückzuschlagen, die sich dort wie vor einigen Jahren auf der Krim festgesetzt haben.“

Im nächsten Satz gibt Kleber dann Entwarnung, der „Scherz“ habe nur dem 70. Jahrestag der NATO-Gründung gegolten.

Dass im Lande seinerzeit keine Panik ausbrach, „dürfte dem glücklichen Umstand zu verdanken gewesen sein, dass die Mehrheit der Bevölkerung – allen voran die Jüngeren – die Informationsangebote der öffentlich-rechtlichen Sender nur noch am Rande oder überhaupt nicht mehr wahrnimmt sowie der Tatsache, dass immer mehr Menschen dem Mainstream, der aus den Apparaten schallt, von den Bildschirmen schreit und vom Zeitungspapier raunt, schlicht kein Vertrauen mehr schenkt“, kommentierte Achgut am 29.12.2021.

Leider mahlen die anderen Medien unisono nun wieder verstärkt eine russische Bedrohung an die Wand, weil Putin Militärmanöver durchführen ließ – nicht in anderen Ländern, wie es die NATO-Staaten tun – sondern auf eigenem Territorium. 100 000 Soldatinnen und Soldaten ihrer 3,345 Mio. starken Streitkräfte standen an der russischen Grenze zur Ukraine. Wenn wir ein solches Vorgehen ignorieren, werden die Russen übermütig und stehen ein paar Tag später am Rhein, wurde gemutmaßt.

Wer muss sich eigentlich vor wem fürchten? Auch wenn man die Truppenstärke ins Verhältnis der jeweiligen Bevölkerung stellt, die Russen sind nicht unter den Top ten. Die NATO hat über 200 000 Soldaten mehr als Russland. „Aber die Russen haben mehr Panzer“, wird gekontert. Nein, sie haben 3 000 weniger, das Verhältnis beträgt 18 741 zu 15 500 Panzer. „Aber weil Russland so groß ist, haben sie bestimmt eine größere Luftwaffe“? Nein, hier beträgt das Verhältnis sogar 7:1, die NATO verfügt über mehr als 21 000 Flugzeuge, Russland nur über gut 3 000 – die allerdings tatsächlich fliegen können. Nur bei den Raketensystemen ist Russland um 10 Prozent überlegen. Quelle:

Vergleich des Militärs der Nato und Russlands | Statista.

Hier nun die Bilanz der Rüstungsausgaben im Vergleich: Im Jahr 2020 wurden weltweit rund 2 000 Mrd. Dollar für Rüstung ausgegeben, für Raketen, Panzer, Munition und Soldaten. Davon entfielen 3,7 Prozent auf die NATO und 39 Prozent auf Russland – wird der Eindruck erweckt. NEIN. Es ist umgekehrt! Und zum Waffenarsenal der USA kommen die Rüstungsausgaben der übrigen NATO-Länder hinzu. Alleine Deutschland und Frankreich haben mit 5,4 Prozent einen größeren Anteil als Russland mit 3,7 Prozent (Quelle Sipri). Die NATO-Staaten stecken zusammen 15mal mehr Geld in die Rüstung als Russland! Alles zur Verteidigung? Das behauptet jede Seite, es gibt ja auch keine Kriegsminister.

Absolute Zahlen muss man aber ins Verhältnis zur Wirtschaftskraft der Länder setzen, wie es das Handelsblatt unter Verweis auf SIPRI tat. Russland gibt beachtliche 4,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für sein Militär aus. Auf der NATO-Seite geben die USA 3,5 Prozent aus, über ein Drittel der weltweiten Rüstungsausgeben. Großbritannien 2,5 Prozent; Frankreich 2,1 Prozent; Deutschland 1,3 Prozent; Italien 1,6 Prozent. Hinzu kommen noch die Rüstungsausgaben der übrigen 25 NATO-Länder. So kommt die 15fache Überlegenheit der NATO gegenüber Russland zustande. Russland müsste die Hälfte der erwirtschafteten Rubel ins Militär stecken, um mit dem Westen mithalten zu können.

Russland totzurüsten, war die Strategie der westlichen Siegermächte, und diese wird anscheinend weiterverfolgt. Vor 20 Jahren wurde das vor 50 Jahren gebremste Wettrüsten durch die USA neu entfacht – drei Monate nach der Zerstörung der Zwillingstürme in New York. Nicht etwa die Russen zerstörten das WTC, sondern Kämpfer aus arabischen Staaten, die von den USA und anderen NATO-Staaten hochgerüstet werden. Die Welt ist ein Irrenhaus und die USA ist der Hausherr. Zumindest bisher, bis deren Weltherrschaft abgelöst wird. Nicht etwa von Russland, sondern von China! China, welches die USA nicht militärisch besiegen wird, sondern wirtschaftlich. Schon jetzt hängt die USA am Tropf der Chinesen.

Was Russland will, ist die Garantie, dass die Ukraine nicht in die NATO aufgenommen wird, und die NATO somit kein Militär direkt an der russischen Grenze stationieren kann. Nach den gebrochenen Versprechungen des Westens in den 1990er-Jahren, dass sich die NATO „keinen Zoll“ nach Osten erweitern würde, will Putin sich „nicht nochmal reinlegen lassen“. Seine Position: Nach der DDR verlor der Ostblock seit 1999 neun weitere Länder an die NATO. Dies bedeutet für Putin eine rote Linie, und er verlangt einen Stopp der NATO-Osterweiterung. In Putins Haut möchte ich ebenso wenig stecken wie in der seines Volkes. Das hält aber meine Nachfolgegeneration anscheinend nicht davon ab, den Aggressor alleine im Russen Putin zu sehen.

Aber auch im Ausland gibt es Ideologen* und Hetzer, wie das Beispiel zeigt: „Der Kreml kann nur im Konfliktmodus existieren, er braucht immer neue Feinde, und sein einziges Argument ist Androhung von Gewalt.“ Der NZZ-Kommentator meint also, die Russen bräuchten den kalten Krieg wie ihren Wodka. Und täglich verkünden unsere Medien zwischen den Zeilen Ähnliches. Verlässliche Quellen überliefern, dass in etwa so die Kriegslüsternheit in den Tagen vor Beginn des Ersten Weltkrieges aussah (*Ideologen sind Leute, die sich auch durch gegenteilige Fakten nicht in ihrem Denken beirren lassen).

Können wir der Ukraine verwehren, sich der NATO anzuschließen? JA, können wir, wenn wir wollen! So wie wir – Gott sei Dank – auch beschließen können, die Türkei nicht in die EU aufzunehmen. Es war schon ein Fehler, das unberechenbare Land in die NATO aufzunehmen. Genauso wäre es ein Fehler, die Ukraine aus den vorgenannten Gründen in die NATO aufzunehmen. Uns sollte es lieber sein, deutsche Soldaten – trotz aller Vorbehalte – in unseren Gesundheitsämtern aushelfen zu lassen, als sie in der Ukraine einzusetzen. Und was wäre ein Lauterbauch ohne einen General zur Seite zu haben?

Denn wenn man einen Hund in eine ausweglose Situation bringt, beißt er. Das gilt auch für einen Machthaber und/oder sein Volk, und wenn es sein letzter Biss wäre. Die viermonatige Schlacht um Moskau und die ebenso lange um Stalingrad ein Jahr später haben aber gezeigt, dass sich ein Volk mit ähnlicher Kultur und Willenskraft wie wir auch aus einer ausweglosen Situation befreien kann. Zum Leidwesen unserer Väter und Vorväter. Das sollte uns Mahnung sein, uns nicht durch die militärische Unterlegenheit des russischen „Feindes“ verleiten zu lassen.

Oder geht es den Scharfmachern darum, vom 20jährigen Fortschritt in Russland abzulenken? Das BIP 7fach höher, in Rubel 21fach; Säuglingssterblichkeit 4fach verringert; Abtreibungen 4x weniger, Geburtenrate auf 1,75 erhöht. Getreideernte verdoppelt, Lebenserwartung fünf Jahre erhöht. Arbeitslosigkeit um 2/3 reduziert und die Armut um die Hälfte reduziert. 6x mehr Touristen, und die Russen würden sich wahrscheinlich freuen, wenn wir weiterhin als Touristen kommen und nicht als NATO-Soldaten vor ihrer Grenze patrouillieren.

Zu guter Letzt: Auf der anderen Seite der politisch betriebenen Konfrontation steht ein Volk mit einer Jahrhundertelangen ähnlichen Kultur und mehrheitlich christlich. Die Russisch-Orthodoxe Kirche zählt 150 Mio. Mitglieder, die Katholische Kirche in Deutschland gerade noch 22 Mio. Seien wir gespannt auf die Erklärung der Deutschen Bischofskonferenz zu ihrem Weltfriedenstag 2022.

Dieser Artikel erscheint auch auf der Webseite des Autors

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