Halfen afghanische Ortskräfte Deutschland oder ihrem Land?

Von Gastautor Albrecht Künstle

– Deutschland war zur bewaffneten Entwicklungshilfe am Hindukusch

– Tatsache bleibt, dass die Ortskräfte nur Helfer unserer Helfer waren

Die Medien überbieten sich darin, die Politik zu zwingen, die als „Ortskräfte“ bezeichnete Afghanen nach Deutschland zu holen. Die Grünen wollen sogar alle Afghanen, die den Taliban nicht grün sind, geschätzt eine halbe Million. Özdemir rechtfertigte heute im DLF die Aufnahme der Menschen aus Afghanistan in Deutschland mit den Worten, weil sie „für unser Land ihr Leben riskierten“. Wie bitte, haben nicht unsere Soldaten dort ihr Leben gelassen?

Hiermit gehe ich der Frage nach, wer für wen das Leben riskierte. Das war der Auftrag:

In einer Regierungserklärung vom 28. Januar 2010 erklärte Bundeskanzlerin Angela Merkel, dass die deutsche Regierung die Ausbildung der afghanischen Armee stark forcieren möchte und die Zahl der deutschen Polizeiausbilder in diesem Jahr von 123 auf 200 erhöht. Eine Entwicklungsoffensive im Norden soll gestartet und dafür bis 2013 jährlich statt heute 220 Millionen Euro 430 Millionen Euro in den zivilen Wiederaufbau, vorwiegend im ländlichen Raum, investiert werden. Einige der damit verbundenen Ziele sind die Erhöhung des Einkommens und der Beschäftigung, zusätzlich gebaute Straßen, besserer Zugang zu Energie und Wasser und die Ausbildung neuer Lehrer. Die Regierung wird auch dem neuen internationalen Reintegrationsfonds („Afghan Peace and Reintegration Program“). Ausführlicher hier. Der Bau von Mädchenschulen ist nicht erwähnt.

Durfte man nicht erwarten, dass die Afghanen den Deutschen dabei halfen, ihnen zu helfen? Doch jetzt wird der Spieß rhetorisch umgedreht und behauptet, die Ortskräfte hätten uns Deutschen geholfen. Es ist traurig genug, dass nicht mehr einheimische Afghanen die ausländischen Helfer unterstützt haben und sich dafür noch bezahlen ließen, die deutschen Flüchtlingshelfer dagegen helfen ehrenamtlich. Und es wird so getan, als ob Deutschland und die USA Afghanistan im Stich ließen. Nach Berechnungen des DIW kostete uns Steuerzahler die Afghanistanhilfe bis zu 40 Mrd. Euro. Zusätzlich die Kosten für die Aufnahme von fast 300 000 Afghaninnen und Afghanen. Bis 2016 erteilten die USA immerhin 18 500 Helfer-Visen, Deutschland 1800. Bis April 2021 haben wir 781 Ortskräfte aufgenommen, als nur noch 300 für die Bundeswehr tätig waren! Und im Juli kamen 2353 weitere zu uns und wollten Asyl. Alles zu wenig?

Warum strecken 300 000 afghanische Soldaten vor 75 000 Taliban die Waffen, obwohl sie überlegen waren: Sie überlassen den noch strenggläubigeren Muslimen über 600 neuere Schützenpanzer, 8500 Militär-Geländewagen, aus sowjetischen Beständen 1000 Schützenpanzer und andere Panzerfahrzeuge. Dazu 68 Kampfhubschrauber, 16 Transporthubschrauber und 19 Bodenkampfflugzeuge. Besonders brisant die Hightech-Drohnenflotte „ScanEagle“ aus den USA. Dagegen nehmen sich eine Million Schusswaffen mit milliardenfacher Munition wie Dreingaben aus. Alle „Experten“ wundern sich, warum die nicht-talibanische Muslime die strenggläubigeren Taliban nicht zum Teufel gejagt haben. Ich wette drauf, dass unter den Ortskräften nicht wenige Doppelagenten waren und weiter sind, die mit den Taliban unter einer Decke stecken.

Vier Fünftel der Afghanen sind hanafitische Sunniten, ein Fünftel imamitische Schiiten, die sich zwar nicht ganz grün sind, aber der gemeinsame grüne Koran-Islam eint die Muhammad-Jünger. Die Taliban, genauer Die „Islamische Talibanbewegung Afghanistans“, sind eine im September 1994 gegründete deobandisch-islamische Terrorgruppe, die von September 1996 bis Oktober 2001 erstmals große Teile Afghanistans beherrschte und der jetzt nach 20 Jahren wieder die Macht in den Schoß fiel – fast kampflos. Das Islamische Emirat Afghanistan der Taliban wurde seinerzeit vom islamischen Pakistan, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten anerkannt. Diese scheiden wohl als Aufnahmeländer aus, aber es gibt sechs weitere islamische Nachbarländer, die ihre Brüder und Schwestern im Geiste aufnehmen könnten. Es muss nicht das ferne Deutschland sein.

Angesichts der dortigen Lage ist es ein Kunststück der Medien und Politik, das Hauptübel Islam in den Nachrichten und deren Bewertung auszuklammern. Es gibt für sie nur Paschtunen, Tadschiken, Stammesfürsten und Warlords, als ob diese keiner islamischer Ideologie nachhängen. Aber offensichtlich sind die fundamentalistischen Taliban für die Mehrheit der 34 Mio. Afghanen das kleiner Übel, sonst würden sie diese zum Teufel jagen. Und der deutsche Staat erkennt dieses Islam-Tohuwabohu wie selbstverständlich an. Der den Ortskräften für Deutschland ausgestellte Pass (!) schmückt der Titel ISLAMIC REPUBLIC OF AFGHANISTAN! Als ob dieser afghanische Islam jetzt zur Bundesrepublik Deutschland gehören würde.

Es scheint nur eine Frage der Zeit, wann Deutschland selbst eine islamische Republik wird – oder gar keine Republik mehr, sondern ein Kalifat. Denn die immer mehr islamischen Familien hängen die deutschen Familien geburtenmäßig ab. Bleibt wenigstens zu hoffen, dass sich die islamischen Richtungen bei uns besser vertragen als dort, wo sie herkommen. Die über 2000 unterschiedlich orientierten Moscheen in Deutschland lassen aber anderes befürchten. Dennoch meinen viele, „Der Islam gehört zu Deutschland“ – Afghanistan ist eine Spielart davon. Ob der Bundespräsident in 10 Jahren den Taliban auch zu ihrer islamischen Revolution gratulieren wird, wie Steinmeier es gegenüber den Mullahs im Iran tat?

Noch ein Blick zurück, als es Europäer nach Afghanistan zog. Es war keine Kolonie, ist denen entgegenzuhalten, die meinen, alle Probleme seien Folgen des Kolonialismus. OK, im vorletzten Jahrhundert waren die Engländer in dem Land – nicht als Touristen. In der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts zog es deutsche Hippies dorthin, weil die blühenden Mohnfelder ein billigeres Kiffen versprachen. 1980 waren es Russen, die sich nach Afghanistan „riefen“ ließen. Die letzten 20 Jahre bewachten unsere Soldaten den Anbau von Rauschgift, ohne es verhindern zu können. Und 2001 nach dem verheerenden Anschlag auf die Zwillingstürme in New York begaben sich Westmächte auf die Suche nach dem Terroristen Osama bin Laden, den sie schließlich in Pakistan fanden (tausende Terroristen fanden dagegen Unterschlupf bei uns).

Wer wird einmal das Dilemma Merkels beschreiben,

wie einst Theodor Fontane im Das Trauerspiel

Der Schnee leis stäubend vom Himmel fällt,
E
in Reiter vor Dschellalabad hält,
„Wer da?“ – „Ein britischer Reitersmann,
Bringe Botschaft aus Afghanistan.“

Afghanistan! Er sprach es so matt,
E
s umdrängt den Reiter die halbe Stadt,
Sir Robert Sale, der Kommandant,
Hebt ihn vom Rosse mit eigener Hand.

Sie führen ins steinerne Wachthaus ihn,
Sie setzen ihn nieder an den Kamin,
Wie wärmt ihn das Feuer, wie labt ihn das Licht,
Er atmet hoch auf und dankt und spricht:

Wir waren dreizehntausend Mann,
Von Kabul unser Zug begann,
Soldaten, Führer, Weib und Kind,
Erstarrt, erschlagen, verraten sind.

Zersprengt ist unser ganzes Heer,
Was lebt, irrt draußen in der Nacht umher,
Mir hat ein Gott die Rettung gegönnt,
Seht zu, ob den Rest ihr retten könnt.“

Sie bliesen die Nacht und über den Tag,
Laut, wie nur die Liebe rufen mag,
Sie bliesen – es kam die zweite Nacht,
Umsonst, dass ihr ruft, umsonst, dass ihr wacht.

Die hören sollen, sie hören nicht mehr,
Vernichtet ist das ganze Heer,
Mit dreizehntausend der Zug begann,
Einer kam heim aus Afghanistan.

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