Bergkarabach bäumte sich ein letztes Mal auf, Tausende nie mehr

Von Gastautor Albrecht Künstle

Bergkarabach bäumte sich ein letztes Mal auf, Tausende nie mehr

– Die Schlacht ist geschlagen, Tausende sind tot, 100.000 nach Armenien geflohen

– Eine Betrachtung zum Advent (adventus Domini, lat. für Ankunft des Herrn, bezeichnet die Jahreszeit, in der die Christenheit sich auf das Fest der Geburt Jesu Christi, Weihnachten, vorbereitet). Doch wer kam: Es waren Aserbeidschans Schiiten und türkische Sunniten, sie besiegen die Armenier final.

So leitete ich vor zwei Monaten meinen Beitrag zu Bergkarabach ein…

Erdogan, der Sultan vom Bosporus, will die armenischen Christen in Bergkarabach nur in Frieden lassen, wenn sie den „von ihnen besetzten aserbaidschanischen Boden sofort verlassen.“ Die Türkei werde „mit allen Mitteln“ dafür sorgen. Und wenn dieser Türke ALLE sagt, dann meint er wie die Jungtürken 1915 auch alle Mittel! Über eine Million Armenier wurden damals Opfer des Völkermords.“

Jetzt ist es soweit. Das kleine Völkchen Bergkarabachs mit nur 145.000 armenische Christen ist nach wenigen Wochen auf geschätzt 40.000 Bewohner dezimiert, das sich noch ein Viertel des früheren Ländchens teilen muss. Etwa 100.000 flohen ins Stammland Armenien oder kamen durch die Kämpfe um. Das habe aber nichts mit Religionen zu tun, ließ das ZDF am 29.09. durch Dr. Uwe Halbach weissagen: „Ich würde die religiöse Dimension nicht überschätzen… Für die Armenier sind die Gegner vor allem Türken und nicht Muslime. Für die Aserbaidschaner sind die Gegner in erster Linie Armenier und nicht Christen. Der Akzent liegt auf der ethnischen, weniger auf der religiösen Zuordnung.“ Wirklich? Warum wurden dann Kirchen zerbombt? War es auch 1914-17 reiner Zufall, dass die Opfer des Genozids Christen waren und die Täter jungtürkische Muslime?

Aus Erfahrung wissen wir: Wenn das „Zweite“ eine Diagnose verbreitet, sollte man eine dritte Meinung einholen! Die Zurückhaltung Europas in diesem ungleichen Krieg könnte damit zu erklären sein, dass man erstens eine systematische Christenverfolgung nicht mehr für möglich hält. Zweitens, dass das autonome Bergkarabach völkerrechtlich zu Aserbeidschan gehöre, also illegal sei. Überträgt man diese Logik aber auf eine Völkergruppe in der Nähe, müsste man der Türkei auch erlauben, mit den Kurden des Autonomen Kurdistan ähnlich zu verfahren, wie Erdogan dies nun mit den Armeniern des autonomen Bergkarabachs tut. Drittens, dass der Sieg Aserbeidschans und die jetzige Vertreibung der Armenier aus Bergkarabach die Revanche sei für die Vertreibung von 600.000 Aserbeidschaner durch die Armenier im Krieg 1988-1994. Die Propaganda Bakus behauptet sogar, eine Million sei vertrieben worden, wer bietet mehr? Wie plausibel sind solche Rechtfertigungen sogar aus Europa, das Aserbeidschan sogar unterstützt?!

Drei Jahre vor der Unabhängigkeitserklärung von Bergkarabach 1991 ergab die letzte Volkszählung in jenem Gebiet 40.688 Aserbeidschaner (Aseri); das waren ein Viertel der Gesamtbevölkerung von rund 160.000 Bewohnern. Also 120.000 Armenier sollen 600.000 Aseri vertrieben haben, obwohl es nur 40.000 Aseri gab? Des Rätsels Lösung: Die Propagandisten einschließlich dem UNHCR operieren mit den jetzigen Zahlen der „Binnenflüchtlinge“. Und hier haben wir das gleiche Phänomen wie bei den Palästinensern, die nach Israels Staatsgründung auf Geheiß der Araberfürsten flohen. Nach der Flucht vermehrten sie sich, aber die vielen Kinder und Nachkommen der einst tatsächlichen Flüchtlinge, darf man seriöser Weise weder Israel, noch heute den Armeniern von Bergkarabach anlasten. Oder ist einmal Flüchtling ewig Flüchtling.

Und wollen wir schon wieder mit den Falschen paktieren? Hat Merkel-Deutschland noch immer an der Türkei einen „Narren gefressen“? Schon im Ersten Weltkrieg machte das Deutsche Reich mit der Türkei gemeinsame Sache. Auch im Zweiten Weltkrieg schlossen das Dritte Reich und die Türkei 1941 einen Freundschaftsvertrag, und Hitlers SS bediente sich der muslimischen Handschar, einer Division des von ihm hochgeschätzten Islam. Aber Bündnisse dieser Sorte halten nicht lang, im Februar 1945 erklärte die Türkei den Deutschen den Krieg. 2015 wiederholt sich Ähnliches – ohne förmliche Kriegserklärung. Und jetzt wieder ein klammheimliches Stillhaltabkommen mit dem Sultan vom Bosporus, der sich schon als neuen Kalifen der weltweiten Sunniten sieht.

Wie sind die Perspektiven zwischen dem Mittel-, Schwarzen- und Kaspischen Meer? Der Islam hatte auch diese christlich geprägte Region ab dem 7. Jahrhundert überrannt. Die Christen wurden nicht ganz ausgerottet, weil weitsichtige muslimische Herrscher erkannten, dass man die Kuh, die man melken will, nicht schlachten sollte. Zeitweise regenerierten sich die Christen wieder und im 19. Jahrhundert war der Islam sogar auf dem Rückzug. Doch seit Mitte des letzten Jahrhunderts hat sich das Blatt wieder gewendet…

Der Islam expandiert weltweit wegen der Population der Bevölkerung, seiner Emigration in die Länder Europas, und vor allem seiner Akzeptanz in Deutschland. Deshalb ist es eine Illusion zu glauben, dass es eine Zukunft für christliche Oasen gibt, wie Bergkarabach und Armenien, die nur von islamischen Ländern umgeben sind. Die Grenze zum ebenfalls christlichen Georgien ist nur etwas über 100 km lang. Unsere Grenzen nach Süden hin stehen offen wie ein Scheunentor. Aber wir haben demographisch gesehen noch eine Galgenfrist von 20 bis 30 Jahren, bis der Islam in der Mehrheit ist.

Armenien aber gebe ich keine zehn Jahre mehr, wenn keine militärische Hilfe aus Europa und/oder Russland kommt. Doch dafür sieht es schlecht aus: „Die Türkei genießt als Mitglied die Rückendeckung der NATO. Das beeinflusst Russlands Politik – zum Nachteil Europas“, titelt INFOsperber der Schweiz https://www.infosperber.ch/Artikel/Politik/Armenien-Aserbaidschan-Turkei-Russland-NATO. Armenien hat schlechte Karten, sowohl geographisch wie machtpolitisch. Und hätte das nicht weit entfernte Israel kein „Fürsprecher“ in seiner Waffenkammer, ginge es dem Noch-Judenstaat nicht anders; von Europa hat Israel so wenig zu erwarten wie Armenien.

Amalia van Gent (ehem. NZZ-Korrespondentin in Istanbul) resümierte am 18.11.: „…lauter Verlierer in diesem Krieg – außer die Türkei. Dass das Moskauer Abkommen der Türkei die freie Benützung eines Korridors über armenisches Territorium und damit einen direkten Zugang zum Kaspischen Meer und darüber hinaus zu den türkisch-sprachigen Republiken Zentralasiens einräumt, sehen türkische Strategen und Rechtsnationalisten als die Erfüllung eines langjährigen Traums. …Die armenische Zivilgesellschaft bräuchte den Beistand europäischer Institutionen, Kirchen, Akademiker, um trotz der allumfassenden Verzweiflung weiterzumachen. Und vielleicht wäre die internationale Diplomatie diesmal gefragt“. Ich klage an, wo bleiben die alle?

Und der Zentralrat der Armenier in Deutschland? Am 29. Oktober flehte er auf seiner Homepage, „Im Gegensatz zu 1915 darf Deutschland die Armenier jetzt nicht im Stich lassen“. Der Zentralrat befürchtet wie ich, „Es ist offensichtlich, dass falls Aserbaidschan die Kontrolle über den Berg-Karabach innehat, dies zu der kompletten Vertreibung der einheimischen armenischen Bevölkerung sowie zu massiven Kriegsverbrechen führen würde“. https://www.zentralrat.org/de/Im%20Gegensatz%20zu%201915%20darf%20Deutschland%20die%20Armenier%20jetzt%20nicht%20im%20Stich%20lassen. Womit sich der Kreis schließt: „Jetzt ist es soweit“, waren meine einleitenden Worte. Deshalb mindestens ein Requiem auf das arme Armenien https://www1.wdr.de/mediathek/video/klangkoerper/sinfonieorchester/video-wolfgang-amadeus-mozart—requiem-d-moll-kv–100.html. Am 17.11. sollt dieses Requiem im Berliner Dom aufgeführt werden und wurde per Staatsverordnung kurzfristig abgesetzt. Das ersparte der „mächtigsten Frau der Welt“ die Blöße, durch Abwesenheit zu „glänzen“.

Hier nochmal zur Erinnerung mein Artikel vom 1. Oktober 2020

Bergkarabach, wie es einst anfing, wie der Krieg enden wird?

– Schiitisch – sunnitische (!) Offensive gegen einen kleinen Christenstaat

– Wechselvolle Geschichte – geht Merkel in die Geschichtsbücher ein?

Erdogan, der Sultan vom Bosporus, will die armenischen Christen in Bergkarabach nur in Frieden lassen, wenn sie den „von ihnen besetzten aserbaidschanischen Boden sofort verlassen.“ Die Türkei werde „mit allen Mitteln“ dafür sorgen. Und wenn dieser Türke ALLE sagt, dann meint er wie die Jungtürken 1915 auch alle Mittel! Über eine Million Armenier wurden damals Opfer des Völkermords.

Mit diesem Beitrag soll nicht Bekanntes zu Aserbaidschan und Bergkarabach ein weiteres Mal wiedergegeben werden. Gegenstand ist die Geschichte des Südkaukasus und die Beleuchtung nur weniger Auffälligkeiten.

Es trifft nicht zu, dass auch diese Region eine Wiege der Christen sei; so viele Wiegen gab es nicht. Das Christentum etablierte sich im heutigen Aserbaidschan mit Bergkarabach erst im 4. Jahrhundert, dann aber schnell. Doch die Frohe Botschaft der Missionare sollte nur drei Jahrhunderte halten. Schon 21 Jahre nach Muhammads Tod fielen 643 seine muslimischen Horden der Araber auch in dieses Land ein und islamisierten es. Nicht mit einer anderen frohen Botschaft, sondern mit der Überzeugungskraft des Schwertes. Im 8. Jahrhundert war es komplett unter der Kontrolle muslimischer Völker, auch der Kurden, Lesgier, Perser und Turk-Stämme.

Wie viele andere Regionen, wurde auch diese tausend Jahre lang abwechselnd zum Akteur oder Spielball fremder Mächte. Im 15. Jahrhundert entstand erstmals der Staat Khanat Karabach. 1590 gelang es den Osmanischen Reich, Aserbaidschan zu erobern, aber nur für zehn Jahre. 1736 fiel das Land an Persien. Die russisch-persischen Kriege zu Beginn des 19. Jahrhundert endeten im Frieden von Turkmantschai von 1828; Aserbaidschan und Armenien wurden dem russischen Reich zugeschlagen.

1920 wurde Aserbaidschan von den Alliierten als unabhängiges Land anerkannt, wurde aber 1936 eine Sowjetrepublik der UdSSR. 1988 wollte der Gebietssowjet das kulturell armenische Bergkarabach in die armenische Republikhoheit übertragen. Das endete in einem Pogrom https://de.wikipedia.org/wiki/Pogrom_in_Sumgait. Nach Augenzeugenberichten attackierten aserbaidschanische Männer die armenische Minderheit der Stadt. Neben Morden kam es dabei nach Augenzeugenberichten auch zu Vergewaltigungen und Verstümmelungen. Im Zuge des Pogroms soll es auch zu einem Massaker in einer Entbindungsstation gekommen sein (Wikipedia). Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion rief Aserbaidschan im September 1991 seine Unabhängigkeit aus. Im selben Monat tat dies auch die Republik Bergkarabach. Darauf folgten 1992 zwei weitere Massaker durch Russen und Aserbaidschaner.

Religiöse Zusammensetzung der Bevölkerung. Die im 5. Jahrhundert armenisch-christliche Bevölkerung im jetzigen Aserbaidschan wurde in der Geschichte des Islam auf 3,8 Prozent geschrumpft (1998). 1988 waren es noch 475.000 Christen. Heute leben in ihrem erstrittenen de facto unabhängigen Bergkarabach (armenisch Arzach) nur noch 146.000 von ihnen. Nicht durch Kirchenaustritte, sondern durch Vertreibung und mehr.

Die muslimische Bevölkerung Aserbaidschans nahm wie überall zu, es sind jetzt 10,4 Millionen. Nur 15 Prozent sind Sunniten, 85 Prozent Schiiten. Das dürfte der zeitweise persischen Vorherrschaft und heutigen Nachbarschaft zum Iran geschuldet sein. Aber auch in diesem islamischen Staat wurde deutlich, dass diese Pseudo-Religion eher eine politische Kraft ist. Anfang der 90er Jahre gründeten sich die „Islamische Partei Aserbaidschans“, die „Partei für islamischen Fortschritt“, die „Azad Ruhaniler“ und weitere islamische Organisationen. Doch laizistischen Gesetze von 1995 versuchen, einen richtigen Islamischen Staat zu vermeiden.

Was hat nun die Türkei in dem Konflikt zu suchen? Man könnte auch die Gegenfrage stellen, welches Land ist für Erdogan tabu? Er geht auch dort nach seiner Strategie vor: 1. Er erklärt ein Gebiet zur türkischen Einflusszone, 2. er macht es anschließend zum nationalen Interesse der Türkei, das er als bedroht erklärt, 3. er setzt dann seine gewaltige Kriegsmaschine in Gang.

Exklave/Inklave. Der armenische und türkische Herrscher sagt, die armenische Exklave Bergkarabach sei ein Fremdkörper in Aserbaidschan. Geographisch gesehen ist das nicht falsch, aber dasselbe gibt es ganz in der Nähe umgekehrt. Links unten auf der Landkarte Armeniens liegt die aserbaidschanische Exklave Nachitschewan. Der Name ist die Übersetzung von „Ort der Landung“. Es geht um die der Arche Noahs am nahegelegenen Berg Ararat.

Das verdient besondere Beachtung: Aserbaidschan ist fast ganz schiitisch, die Türkei sunnitisch und beide kämpfen Seit an Seit gegen das christliche Bergkarabach! Diese Islamrichtungen schlagen sich normalerweise die Köpfe ein und führen gegeneinander Krieg, z.B. im Jemen. Doch wenn es gegen Christen geht, ist jeder Islam was er ist: Islam! Open Doors hat Aserbaidschan noch nicht „auf dem Schirm“. Diese Organisation tritt weltweit für verfolgte Christen ein, aber eben nicht für ein ganzes Völkchen wie das von Bergkarabach.

Wie hält es Merkel-Deutschland mit Aserbaidschan? Deutschland und Aserbaidschan pflegen seit 1992 gute bilaterale Beziehungen“ (Originalton Auswärtiges Amt). Die Stadt Mainz pflegt mit Baku eine Städtefreundschaft. Und Bundeskanzlerin Angela Merkel soll am 29.09.2020 mit den Präsidenten von Aserbaidschan und Armenien telefoniert haben! Das teilte Regierungssprecher Steffen Seibert mit.

Mit diesem Anruf dürfte in Bergkarabach wieder Frieden einkehren (?). Denn die Badische Zeitung weiß, dass Chinas Staatschef Xi in der Klimapolitik sogar vorpreschen will, nachdem er dazu von der Kanzlerin telefonisch aufgefordert wurde. Wenn ein Merkel-Telefonat ins ferne und große China einen so durchschlagenden Erfolg hat, um wieviel mehr muss nun Aserbaidschan und ihr Geschäftspartner Erdogan vor ihr kuschen. Wenn die Waffen schweigen sollten, kann‘s nur der Frau Merkel zu danken sein (?).

Wer über den Konfliktherd mehr wissen will, als bei uns in der Zeitung steht: https://www.infosperber.ch/Artikel/Politik/Armenien-Aserbaidschan-Berg-Karabach-Konflikt-Kriegsrecht

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