Er kann’s einfach nicht lassen – die Causa von und zu Guttenberg

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Von Gastautor Klaus Rißler

Man erinnere sich, Karl Theodor von und zu Guttenberg, mit vollem Namen Karl-Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester Buhl-Freiherr von und zu Guttenberg, wurde im Februar 2011 des Dissertations-Plagiats überführt. Als er dann auch noch starrköpfig auf der Rechtmäßigkeit seines Doktorgrades beharrte, als schon längst bekannt war, dass weite Teile seiner „Doktorarbeit“ aus anderen Quellen abgekupfert waren und er auch noch den wissenschaftlichen Dienst des Bundestages dafür in Beschlag nahm, weitete sich die Angelegenheit zu einem handfesten Skandal aus. Denn die Prüfung der Causa von und zu Guttenberg lieferte nicht den von ihm lauthals geforderten Dispens von einem Plagiatvergehen, sondern erwies sich als wohl vollabsichtlich herbeigeführter Betrug. In diesem Fall hätte deshalb von Anfang an geradezu zwangsläufig vom Straftatbestand der arglistigen Täuschung ausgegangen werden müssen.

Eigentlich hätte es nie und nimmer passieren dürfen, dass ein Doktorvater, in diesem Fall Prof. Dr. Peter Häberle von der Universität Bayreuth, dies nicht bemerkt haben sollte. Von einem Wissenschaftler im Range eines Peter Häberle hätte unbedingt erwartet werden müssen, dass er sich mit der Arbeit seiner Doktoranden intensiv befasst und deshalb auch in der Lage sein muss, Unregelmäßigkeit in deren Abhandlungen zu erkennen, die anderer Provenienz entstammen als das ihm vorgelegte Geschreibsel. Andernfalls hatte er auf dieser Position nichts zu suchen und man müsste ihm auch heute noch den Professorentitel aberkennen.

Im Gegensatz zur Situation in Deutschland muss der Professorentitel in den Vereinigten Staaten stets von neuem durch Leistung, sprich wissenschaftliche Arbeiten, erkämpft werden und erweist sich deshalb nicht automatisch als „Selbstläufer“ bis ans Lebensende.

So weit so gut. Karl Theodor von und zu Guttenberg blieb angesichts seines Betruges keine andere Wahl mehr, als sich zunächst einmal aus der ersten Reihe der deutschen Politik zu verabschieden. Er tingelte danach über Jahre hinweg in der Weltgeschichte herum und nahm seinen ersten Wohnsitz für einige Zeit in den USA. Dort muss er offenbar eine Weiterbildung zum Lobbyisten absolviert haben – vielleicht war er aber auch schon viel früher in diesem Metier tätig – denn wie Recherchen von „abgeordnetenwatch.de“ bewiesen, betrieb er von 2016 – 2020 über seine Firma Spitzberg Partners mit Sitz in New York und einer Reihe weltweiter Niederlassungen Lobbyarbeit für das börsennotierte, mittlerweile allerdings insolvente Unternehmen „Wirecard“, von seinen Beteiligungen an anderen Firmen und Firmenkonsortien wie z. B. die Rhön-Klinik in Bad Kissingen ganz abgesehen.

Für Eingeweihte war es jedoch von vorn herein klar, dass Karl Theodor von und zu Guttenberg nach seiner „Läuterung und ethisch-politischen „Wiederaufbereitung“ irgendwann wieder in die deutsche Politik einsteigen würde. Dessen erstes Comeback anlässlich der letzten Bundestagswahl im Jahr 2017 ging in Bayern allerdings voll in die Hose, was den Herrn von und zu keineswegs daran hinderte, hinter den Kulissen weiter an einer Rückkehr in höchste politische Kreise zu basteln.

Und was würde sich dazu besser eignen, als den Makel des Plagiats von vor bald 10 Jahren durch eine „Neuauflage“ einer Dissertation auszubügeln und den Menschen zu zeigen, dass man es auch auf die „ehrliche“ Tour schaffen kann. Nur dürfte diese Erkenntnis m. E. doch etwas zu spät kommen, es sei denn man spekuliert auf das beim deutschen Wähler recht schwach entwickelte Langzeitgedächtnis und dürfte dabei in vielen Fällen wohl nicht einmal ganz falsch liegen.

So kam es für viele Insider bestimmt nicht unerwartet, dass es der feine Herr mit dem Nadelstreifenanzug und auch sonst gestyltem Äußeren noch einmal versuchen würde, wie erst kürzlich im Spiegel nachzulesen.

Und er hieße nicht Karl Theodor von und zu Guttenberg, wenn er sich nicht auch diesmal eines „geschwollen“ klingenden Titels für sein „Promotions-Comeback“ bedient hätte. Dies fand jedoch nicht auf einer deutschen Universität, sondern in Southampton statt, wobei es jedoch angezeigt gewesen wäre, Wissenschaftler hierzulande sowohl über die „Qualität“ der Arbeit als auch über deren Rechtmäßigkeit urteilen zu lassen.

An dieser Stelle sollte man sich interessehalber noch den wortreichen Titel seines Traktats auf der Zunge zergehen lassen: „Agents, Bills, and Correspondents through the Ages: An Analytical Reconsideration of the Nature, Scope, and Significance of Correspondent Banking and its Application in Historical Precedence and Selected Case Studies„. Aufgeblasener geht’s wirklich nicht mehr.

Aber ein Herr von und zu Guttenberg ließe sich bei kommenden Wahlen mit einem “echten” Doktortitel durchaus wieder als Zugpferd in Stellung bringen.

Karl Theodors Doktorvater, der Ökonom Richard Werner, schwelgt in Lob für seinen Schützling: „Es ist eine wirklich gut recherchierte wissenschaftliche Arbeit“, sagte der gebürtige Bayer Werner der ZEIT, „die eine bemerkenswerte Anzahl von neuen Beiträgen leistet.“

Könnte es sich allerdings, wie vor fast 10 Jahren, erneut um eine Fehleinschätzung der „wissenschaftlichen“ Qualifikation des Herrn Baron handeln ?

Denn im Gegensatz dazu hat der deutsche Wirtschaftshistoriker Markus A. Denzel nach der Lektüre von zu Guttenbergs Werk daran seine Zweifel, zumal sich dieser in der sperrigen Materie gut auskennt. Er ist seit 18 Jahren Professor für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte an der Universität Leipzig und die Geschichte des internationalen Zahlungsverkehrs ist dort einer seiner Forschungsschwerpunkte. Allerdings hat Baron von und zu Guttenberg im vorliegenden Fall immerhin Denzels Werke mehrmals in seiner Arbeit zitiert, wie aus wissenschaftlichem Ethos heraus auch zwingend erforderlich, was in seinem Plagiat offensichtlich nicht der Fall war.

Für den neutralen Beobachter stellt sich nach dem grenzenlosen Betrug von und zu Guttenbergs die Frage, ob man dem Herrn Baron überhaupt noch trauen kann und ob er diese Arbeit auch wirklich selbständig angefertigt und sich nicht eventuell eines „Ghostwriters“ bedient hat, wie es ja seit vielen Jahren auch beobachtet wird.

Gewiss handelt es sich dabei zunächst nur um eine reine Spekulation und es gilt vorab die Unschuldsvermutung, aber dieser Frage sollte anhand seines Vorlebens doch nachgegangen werden.

Dazu passt auch ein vor ca. 15 Jahren in der in Freiburg im Breisgau verlegten „Badischen Zeitung“ erschienener höchstbemerkenswerter Artikel mit dem Titel „Kauf Dir einen Doktortitel“, in der u. a. auch auf das „Ghostwriter-Unwesen“ eingegangen wurde. Mit anderen Worten ausgedrückt, kann man sich von irgendeiner x-beliebigen Person eine „Dissertation“ schreiben lassen und diese dann als „Eigengewächs“ einer universitären Kommission zur Begutachtung vorlegen. Wenn sich dann auch noch der „richtige“ Referent und Ko-Referent finden lässt, welche ein solches Machwerk noch als Doktorarbeit durchwinken, steht dem „gekauften“ Titel wohl nichts mehr im Wege. Natürlich dürfte dabei, am Rande bemerkt, neben einem erheblichen Schuss an Eitelkeit auch der Mammon eine nicht zu vernachlässigende Rolle gespielt haben.

Wir haben bereits seit vielen Jahren gegen eine regelrechte Titelflut an Doktoraten und Ehrendoktoraten anzukämpfen, wobei die Zahl der „Ehrendoktoren“ durchaus derjenigen der „echt/unecht“ erworbenen Doktorate entsprechen könnte. Wenn man jedoch den Rotstift ansetzt und nur diejenigen Dissertationen anerkennen würde, welche vom Bearbeiter auch selbständig und während einer Zeitspanne von oft genug mehreren Jahren durchgeführt wurde, dann dürfte wohl ein regelrechter „Titel-Kahlschlag“ zu beobachten sein.

Ich bin keineswegs ein Gegner der Verleihung von Ehrendoktoraten sowohl an verdiente Wissenschaftler als auch an bedeutende Pioniere im Bereich fortschrittlicher und zukunftsweisender technologischer Entwicklungen und die Träger des Dr. h. c. bräuchten dabei längst nicht nur über einen bereits vorhandenen Doktortitel verfügen.

Eigentlich sollte die Vergabe eines Dr. h. c. niemals an irgendwelche finanziellen Gegenleistungen gekoppelt werden, aber leider ist dies in den allermeisten Fällen üblich und oft genug werden auch beachtliche Summen dafür investiert. Denn diejenigen, welche auf einen Dr. h. c. und das damit verbundene gesellschaftliche Ansehen spekulieren, lassen sich dabei keinesfalls lumpen.

Gegenwärtig sammelt die Kanzlerin Ehrendoktorate ein wie Kinder Spielsachen ohne dafür auch nur die geringste Leistung erbracht zu haben. Allerdings können diejenigen, welche ihr den Dr. h. c. verliehen haben, sicher sein, dass sich diese „Investition“ für sie auch auszahlen wird. Ich würde dies dennoch als „passive“ Bestechung betrachten. Außerdem könnte ich mir sogar lebhaft vorstellen, dass sie diesbezüglich rein zahlenmäßig auch Albert Einstein weit hinter sich gelassen hat.

Da frägt man sich zum Schluss, ob es für Karl Theodor von und zu Guttenberg nicht besser gewesen wäre, von vorn herein auf‘s Plagiatieren zu verzichten, denn dass er betrogen hat, wusste er mit Sicherheit nur zu genau und hätte sich mehr an Franz-Josef Strauß orientieren sollen, der zwar keinen universitären, aber immerhin mindestens einen Ehrendoktor sein Eigen nennen durfte. Vielleicht hätte er mit einem Dr. h. c. sogar seine steile Politkariere nahtlos fortsetzen können und würde gegenwärtig sogar als künftiger Kanzlerkandidat gehandelt.

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